Es sind diese vereinzelten Erinnerungen, die ich einfach nicht mehr
loswerde. Die sich in mein Gehirn eingebrannt haben und sich nun
hartnäckig weigern von dort zu verschwinden, in Vergessenheit zu
geraten.
Ich liege auf ihm, wir sind beide nackt. Nicht nur körperlich,
sondern voll und ganz, jede einzelne Maskerade wurde abgelegt. Der
Geruch von Sex klebt noch an uns, doch der Moment ist viel intimer als
der Vorherige es jemals sein könnte. Eben auf einer ganz anderen Art und
Weise. Ich spüre wie seine Brust sich unter meinem Körper hebt und
senkt, wünschte, ich könnte in dieser Position einschlafen. Wir reden
ein bisschen über belangloses Zeug, bis ich ihn in seine Wange beiße.
Ein wenig fester als eigentlich gewollt. Der Schalter ist umgelegt, die
Stimmung ist vor Albernheit ganz angespannt, entlädt sich durch unser
Gekichere, bis mein Atem ihn nicht mehr an seinem Hals kitzelt, bis die
Küsse und die Berührungen wieder ruhiger werden. Tiefe Zufriedenheit
füllt jeden Winkel meines Körpers aus, weil sich alles vollkommen
richtig anfühlt, als ob ich endlich im Einklang mit mir selbst wäre.
Wir sitzen nebeneinander auf seinem Sofa, ich erzähle ihm alles.
Dinge, die sich aus meinem Mund anhören wie Geschichten, die ich mir vor
langer Zeit ausgedacht habe, die nichts mit mir zu tun haben können.
Dinge, die ich lieber vergessen würde, als sie mit anderen zu teilen. Es
ist wie eine kleine Offenbarung meinerseits. Ich hülle ihn in mein
Leben ein, in meine tiefsten Gedanken und Erlebnisse, und auch wenn ich
weiß, dass er mir das Gewicht, das auf meine Brust drückt, nicht nehmen
kann, fühlt es sich gut an, dass er meine Hand hält, mich auf die Stirn
küsst und da ist. Dass ich dazu gewillt bin, ihm ein großes Stück von
mir anzuvertrauen. Alleine sein stummes Zuhören reicht aus, dass es kurz
so wirkt, als ob ich ein wenig befreiter atmen könnte.
Es ist eine laue Sommernacht, sein Kopf ist auf meinem Bauch
gebettet, meine Finger spielen mit seinem Haar. Es ist stockdunkel um
uns herum, mein Blick ist auf die hellen Punkte über uns gerichtet,
sucht nach Sternbildern. Das Gras kitzelt mich an meinen Fußknöcheln,
die über die Decke ragen. Musik, die aus kleinen Boxen strömt, erfüllt
die angenehme Stille zwischen uns, bis dieses eine gewisse Lied kommt.
Welches wir uns längst tot gehört haben, aber in das wir völlig synchron
und schief mit einstimmen, dabei immer lauter werden, bis wir
ausgelassen in Lachen ausbrechen. Gemeinsam ein bisschen Kind sein, das
Glücksgefühl genießen.
Er sitzt neben mir in der Bahn, seine Hand ruht auf meiner. Er hat
den Kampf gegen sein Innerstes, gegen die Vernunft, verloren. Verbotene
Gefühle werden geteilt, treiben mir die Tränen in die Augen. Die
Endgültigkeit ist fast greifbar. Jedes Mal, wenn wir halten,
weiterfahren und somit meinem Ziel ein Stückchen näher kommen, wird der
Griff um meine Finger stärker. Ein letzter Versuch seinerseits: „Willst
du nicht doch mit zu mir kommen?“ Ich schlucke schwer, kann ihm nicht in
die Augen sehen. Die Bahn stoppt, ich stehe auf, nicht fähig dazu auch
nur ein Wort zu sagen. Weil alles gesagt wurde, weil uns beiden das
Unumgängliche bereits bewusst ist. Bevor ich aus der Tür gehe, drehe ich
mich ein letztes Mal um. Sein Blick ist auf mich gerichtet und stellt
ein Spiegelbild meiner Gefühle dar. Es ist vorbei. Der Geschmack des
Gewissheit ist bitter und liegt bleischwer auf meiner Zunge. Die Tür
piepst und schließt sich hinter mir und ich würde am liebsten laut
lachen, weil diese Metapher für die Situation mich anwidert.
Es sind diese unsterblichen Erinnerungen, zu denen ich mich in
schwachen Sekunden zurückwünsche. Weil ich es bereue, dass ich die
einzigartige Schönheit jedes einzelnen Moments nicht vollkommen
ausgeschöpft habe, weil ich sie noch einmal erleben möchte, intensiver
und bewusster. Es sind die Erinnerungen, die ich vermisse. Nicht die
Menschen.
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